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Remote-Monitoring: Reine Fern-Kontrolle kann Studienqualität und Patientengesundheit gefährden

In rund 58 Prozent der klinischen Studien werden inzwischen Systeme zur elektronischen Datenerfassung (EDC) genutzt. Das ergab eine Umfrage des eClinical Forum Ende 2009 – eine Steigerung um 45 Prozent gegenüber den Zahlen von 2001. Mit Zunahme der digitalen Verfügbarkeit der Daten wachsen auch die Möglichkeiten für Sponsoren und Auftragsforschungsinstitute (CROs), den Ablauf von Studien nicht mehr vor Ort, sondern bequem vom eigenen Büro aus zu überwachen.

Selbst die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) hat sich mittlerweile mit dem „Remote“ oder „Central Monitoring“ genannten Trend befasst und Hinweise veröffentlicht, wann die Fern-Kontrolle sinnvoll sein kann und in welchen Fällen eher  Besuche vor Ort angeraten wären. Auch einige Forschungsunternehmen sehen ein zu großes Vertrauen in EDC und Remote Monitoring zwiespältig. „Man weiß dabei nicht, ob die Daten richtig sind“, fasst Dr. Michael Sigmund, Geschäftsführer der SSS International Clinical Research GmbH, das Problem zusammen.   

In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist die Komplexität von klinischen Tests erheblich gewachsen. Die Aufgaben, die Kliniken und Praxen bei der Durchführung der Untersuchungen erfüllen müssen, sind immer vielfältiger geworden. Gleichzeitig ist die Zahl der Studien, die Pharma- und Medizintechnikunternehmen oder CROs beaufsichtigen, stetig gestiegen, entsprechend groß ist das Interesse an effizienteren Methoden des Monitoring. „Seit es EDC gibt, wird daher auch der Blick in die Daten vom heimischen Büro aus genutzt“, so Sigmund. „Allerdings verbreitet sich diese Arbeitsweise unter dem Schlagwort ‚Remote Monitoring’ seit einigen Jahren verstärkt.“

EDC, die Erfassung der Patientenangaben im Studienverlauf mittels eines elektronischen Formulars, ist die Grundlage für dieses Kontrollverfahren. Da die Daten sofort im System verfügbar sind, können Klinische Monitore (CRAs) sich auf diesem Weg jederzeit und ohne vor Ort sein zu müssen einen Überblick darüber verschaffen, was in den Forschungszentren dokumentiert wird. Die Reaktionszeit bei Problemen lässt sich dadurch merklich verkürzen und der zeitliche Aufwand für die Kontrollen reduzieren. Zudem scheinen sich Anomalien in den Angaben, wie etwa Betrug und das Erfinden von Daten, durch Remote Monitoring leichter aufdecken zu lassen, wie  die im August 2011 erschienene Guidance for Industry Oversight of Clinical Investigations der FDA festhält. Bei Standardüberprüfungen zum Beispiel von Bandbreite und Vollständigkeit der gesammelten Informationen könne die Fern-Überwachung den Besuch vor Ort ersetzen, so der Leitfaden. In anderen Bereichen sei sie zumindest eine sinnvolle Ergänzung, etwa um durch statistische Analysen Trends einfach zu identifizieren.             

Vollständiges Remote Monitoring ist nur mit vollständigem Aktenzugriff möglich

Auch die Verifizierung der Ausgangsdaten ist aus der Ferne möglich – sofern sowohl diese Daten als auch die Prüfbögen digital zugänglich sind. Generell hänge die Nutzungsmöglichkeit eines zentralisierten Monitoring entscheidend von der Verfügbarkeit der Aufzeichnungen ab, mahnt die FDA in ihrer Anleitung. Hier sieht Clinical-Research-Experte Sigmund ein großes Problem, insbesondere für den europäischen Raum: „Man arbeitet mit Daten, von denen man nicht weiß, ob sie richtig sind. Die Originalangaben liegen im Prüfzentrum und die Patientenakten sind nicht remote erreichbar. Dabei wäre ein weitreichender Originaldatenvergleich eben nur möglich, wenn man die elektronischen Patientenblätter online einsehen könnte.“ Unter der Prämisse des Datenschutzes eine nicht zu erfüllende Voraussetzung, zumal Kliniken und Praxen externen Personen nie Zugriff auf ihr System gewähren würden.

Zwar empfiehlt auch die FDA, vermehrt die Originaldaten direkt in das EDC-System einzutragen. „Das kann jedoch dazu führen, dass man sich in trügerischer Sicherheit wiegt“, so Sigmund. „Gefährlich wird es dann, wenn die festgehaltenen Informationen eben doch nicht das Original sind.“ Nur bei der ersten Dokumentation von Informationen handelt es sich per Definition um Originaldaten. Selbst wenn die Studienassistentin beim Blutdruckmessen die Werte erst auf ein Blatt schreibt und sie später ins elektronische System überträgt, sind die Angaben dort nicht mehr die ursprünglichen.

Datenqualität, Personalschulung, Sicherheit: Auch On-Site-Monitoring hat Vorteile

Das Aktenstudium ist zudem ein entscheidender Faktor für die Qualität klinischer Studien und die Sicherheit der Patienten, da längst nicht alle Details zum Zustand eines Probanden in den Prüfbögen erscheinen. Lässt sich beispielsweise ein Patient von der Nachtschwester eine Kopfschmerztablette bringen, könnte dies ein Hinweis auf Nebenwirkungen des in der Studie getesteten Medikaments sein. Allerdings werden solche Indikatoren in vielen Fällen nur in der Patientenakte vermerkt. Prozesse zur Meldung und Evaluation von Gegenreaktionen oder Studienabbrüchen, die auf unerwünschte Nebeneffekte hinweisen, zählen daher laut FDA-Leitlinie zu den Aspekten einer Studie, die ein intensiveres Monitoring erfordern. Insgesamt sei es durch einen Besuch vor Ort leichter, Fehler des beteiligten Personals bei den Protokollen und Abläufen festzustellen und einen Gesamteindruck von der allgemeinen Testqualität des Instituts zu gewinnen. Auch berichten CRAs, dass es im persönlichen Gespräch mit den Versuchsleitern einfacher sei, Verbesserungsvorschläge für die Leistung der Einrichtung und die Patientenrekrutierung zu geben. Speziell in frühen Phasen wird aus diesem Grund eher zum On-Site-Monitoring geraten.  

Hinzu kommt, dass sich die zugrunde liegende EDC nicht in jedem Fall rechnet. „Ein EDC-System ist immer eine größere Investition, die Zeit, Geld und Geduld erfordert“, erklärt SSS-Geschäftsführer Sigmund. Bei Studien mit wenigen Patienten oder über große Zeiträume rechne sich dies nicht. Auch die Umfrage des eClinical Forum ergab nicht nur Positives: Fast 50 Prozent der Befragten berichteten von einer Zunahme ihres Arbeitsaufwands durch EDC. Ein Grund dafür ist die mehrfache Erfassung von Informationen. Laut 90 Prozent der Teilnehmer werden bis zu zwei Fünftel aller Studiendaten mehr als einmal eingegeben. „Letztlich dreht sich alles um die Frage, wie weit man sich auf solche Fern-Kontrollen verlassen und weniger in die Zentren fahren sollte“, so Sigmund. „Um Datenqualität und Patientenschutz in bisherigem Maß aufrechtzuerhalten, sollte nicht zuviel gespart werden.“

 


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