Psychische Erkrankungen von Beschäftigten verursachen derzeit die längsten Fehlzeiten am Arbeitsplatz und führen die Fälle von Arbeitsunfähigkeit an vierter Stelle an. Sie sind schon heute die häufigste Ursache von Frühverrentungen. Zu diesem jetzt in der „Süddeutschen Zeitung“ veröffentlichten Ergebnis kam eine repräsentative Untersuchung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WidO). Die Ursache für eine derart drastische Zunahme psychischer Probleme wird allgemein auf arbeitsbedingten Stress, Arbeitsverdichtung und –beschleunigung zurückgeführt. „Grundsätzlich teilen wir diese Auffassung,“ sagt Arbeitsmedizinerin Paula Vogelheim, die nach vielen Jahren praktischer Erfahrung als Betriebsärztin heute in leitender Funktion bei der B.A.D GmbH tätig ist. „Arbeit an sich macht den Menschen nicht psychisch krank. Aber viele haben Schwierigkeiten, sich ständig neuen Herausforderungen zu stellen. Jede Umstrukturierung, jede Verschlankung in Unternehmen verlangt den Menschen eine extrem hohe Anpassungsfähigkeit ab. Anpassung heißt in diesem Kontext, dass man umdenkt, Dinge anders macht als früher, neue Aufgaben übernimmt, oft sogar komplettes Neuland betritt. Wer sich dem gewachsen fühlt, bleibt mental gesund.“

Die Mitarbeiter- und Führungskräfteberatung der B.A.D GmbH rät daher zu einer Stärkung der persönlichen Widerstandskräfte von Arbeitnehmern, die in Fachkreisen als Resilienz beschrieben wird. B.A.D ist ein überbetrieblicher arbeitsmedizinischer Dienst mit mehr als 2.500 Mitarbeitern, der bundesweit und international etwa 600 Arbeitsmediziner und 50 Berater aus psychologisch-pädagogischen Qualifikationsbereichen beschäftigt. In Einzelsitzungen erarbeiten die Berater mit gefährdeten Beschäftigten in Unternehmen Strategien, mit denen sie in ihren Jobs fit und mental gesund bleiben. Die Gespräche unterliegen selbstverständlich der Schweigepflicht. „Wenn die Krankheit zu weit fortgeschritten ist, begleiten wir den Betroffenen in geeignete therapeutische Einrichtungen oder Kliniken und gliedern ihn anschließend wieder in die Arbeitswelt ein. Bei frühzeitiger Intervention reichen aber fünf Beratungs-Doppelstunden aus,“ sagt Jutta Pestel-Fuss, die den Bereich leitet. „Wir führen die Arbeitnehmer dahin, wieder an sich selbst zu glauben. Das hat nichts mit Esoterik zu tun, sondern mit einer ganz realistischen Besinnung auf die eigenen Stärken und zurückliegenden Erfolge. Oft treffen wir auf gut ausgebildete Menschen mit ganz großen Fähigkeiten, die sich plötzlich nichts mehr zutrauen. Auch Führungskräfte sind nicht davor gefeit. Es ist bedauerlich, wenn den Menschen nicht geholfen wird, sie sich dann dauerhaft depressiv und immer wertloser fühlen. Das würde auch gesellschaftlich zu einem großen Problem.“

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Nicht nur aus ethischen Gründen ist es unverzeihlich, den starken Anstieg psychischer Erkrankungen einfach hinzunehmen, statt ihn systematisch einzudämmen. Auch im volkswirtschaftlichen Zusammenhang ist es skandalös. „Die deutsche Wirtschaft ist bekanntlich von einem besorgniserregenden Fachkräftemangel bedroht,“ so Pestel-Fuss. „Das ist schon existenziell. Wir können es uns gar nicht erlauben, immer mehr an sich leistungswillige Arbeitnehmer zu verlieren. Psychische Erkrankungen fangen im Schnitt mit 23 Krankentagen an und enden mit dem vorzeitigen Ausstieg aus dem Beruf.“

Jede dritte Frühverrentung in 2007 ist laut AOK Bericht auf psychische Probleme zurückzuführen. Und bereits 2006 sei dem Staat ein durch depressive Erkrankungen verursachter Schaden von 26,7 Milliarden EURO entstanden, berechnete das Statistische Bundesamt. „Das ist aber noch lange nicht das Ende der Fahnenstange,“ mahnt Paula Vogelheim. „Wenn wir nicht endlich auf breiter Flur aktiv werden, werden Depressionen bis 2020 an der Spitze arbeitsbedingter Erkrankungen stehen. Diese Prognose der WHO scheint uns ausgesprochen realistisch. Da wir aus dem Kreis großer Wirtschaftsunternehmen eine immer größere Nachfrage unseres Führungskräfte- und Mitarbeiterberatungs Portfolios, insbesondere unseres Präventivangebots in speziellen Workshops, erhalten, haben wir aber die Hoffnung, dass der weitere Anstieg psychischer Erkrankungen doch noch gestoppt wird.“

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